… Turnen

Turnen von 1945 bis zum heutigen Zeitpunkt
von Hans Hendrischke und Cornelia Scheurich

Der Rückblick auf »100 Jahre Vereinsgeschehen« begann mit dem Werdegang des Turnens und soll mit dieser Sportart, die alle Epochen durchlief, enden.

Nach den Wirrnissen des Krieges erholten sich Münzenbergs Einwohner und die vielen Heimatvertriebenen, die hier ein neues Zuhause fanden, allmählich. – Otto Frank, der seine Familie nach der Gefangenschaft im Jahre 1946 in unserem Städtchen wieder fand, schloss sich sofort dem Turnverein an. Ein Idealist und Turner aus Leidenschaft hielt es ohne seinen geliebten Sport nicht aus. So war er bereit, den vakanten Posten des 1. Turnwartes im Jahre 1947 zu übernehmen. Ein Glücksgriff, wie sich später herausstellte. Im gleichen Jahr gründete er eine Kinderabteilung, in der von nun an auch Mädels dabei sein durften.

Nach und nach kehrten unsere ehemaligen Turner aus Gefangenschaften der Westmächte heim und scharten sich um Otto Frank, um einmal wöchentlich dem Geräteturnen zu frönen. Die Perspektiven für diese Turner waren aber gering. So kam der Turnbetrieb langsam zum Erliegen. Münzenbergs aufstrebende Jugend übernahm nun die Initiativen. Im Jahre 1952 beteiligten sich erstmals junge Frauen, die mittlerweile dem Jugendalter entwachsen waren und das Turnen bei Otto Frank erlernt hatten.

Im Juni 1954 feierte der TSV sein 50-jähriges Vereinsjubiläum. Als Anerkennung turnerischer Tradition und bester Aktivitäten in Sachen Turnen übertrug der Gauvorstand des Turngaues Wetterau-Vogelsberg unserem Verein die Ausrichtung des Kinderturnfestes, an dem etwa 1000 Turnerkinder bei herrlichem Wetter auf dem Sportplatz um Siege wetteiferten.

Im Kinderturnen begann ein wahrer Boom. 20 bis 30 Jungen und Mädels nahmen mit großer Begeisterung am Turngeschehen teil. Bei den jährlich stattfindenden Gauturnfesten konnten sie ihr Können unter Beweis stellen. In den Einzeldisziplinen und den Vereinswettkämpfen, die bis 1965 durchgeführt wurden, erzielten sie sehenswerte Platzierungen. Im Anschluss eines jeden Turnfestes fand der Wimpelwettstreit, bestehend aus einer turnerischen Darbietung, einem Lied und einem Volkstanz, statt. Unsere Turnerschar gehörte hier zu den führenden Vereinen. Den begehrten Wimpel gewannen sie des Öfteren.

Es waren nicht nur die Turnerkinder, die Erfolge verbuchten. In den fünfziger Jahren nahmen auch unsere Jugendlichen und Erwachsenen an Gau-, Landes- und Deutschen Turnfesten teil. Beim Deutschen Turnfest in Hamburg wurde Turnwart Otto Frank in seiner Altersklasse »Deutscher Turnfestsieger«.

Die Zeit verging, die Kinderabteilung erlebte herrliche und erfolgreiche Jahre. Viele erstrittene Siege legen Zeugnis einer wunderbaren Zeitepoche ab. Bei allen Anlässen, ganz besonders bei den alljährlich stattfindenden Turnfesten, werden die errungenen Trophäen, die am TSV-Wimpel befestigt sind, stets mit Stolz vorangetragen.

Nach 23 Jahren nimmermüden Wirkens als Leiter der Turnabteilung übergab Otto Frank das Zepter 1970 an eine jüngere Generation. – Das Amt »1. Turnwart« musste jetzt in den Statuten mit »1. Turnwartin« ergänzt werden, da von nun an und für alle Zeiten das zarte Geschlecht die Regentschaft der Turnabteilung, wie nachfolgend belegt wird, ausübt. Von 1970 bis 1973 hatte Walburga Eimer das Sagen. Brigitte Langsdorf übernahm 1973 das Steuer, das sie erst 1978 abgab. Als Nachfolgerin wurde Cornelia Scheurich, die bereits seit sechs Jahren den Posten der Kinderturnwartin begleitete, das Vertrauen für diese verantwortungsvolle Aufgabe ausgesprochen. Seit dieser Zeit steht Cornelia Scheurich – zuletzt als 1. Abteilungsleiterin – der Turnabteilung bzw. der Abteilung Turnen und Freizeitsport vor und wurde bzw. wird hier von zahlreichen Übungsleitern und Übungsleiterinnen unterstützt. Gerade die Mithilfe dieser Vereinsmitglieder hat sichergestellt, dass in all den vergangenen Jahren der Turnbetrieb niemals zum Erliegen gekommen ist. Vielmehr konnte sich die Abteilung auch nicht den Trends im Freizeitsportbereich entziehen. So wurden beispielsweise mit der Aerobic-Welle entsprechend Aerobic-Stunden angeboten, die stets sehr gut besucht waren und den Teilnehmerinnen immer viel Spaß bereitet haben.

Aufgrund des geänderten Freizeitverhaltens und des damit verbundenen Bewegungsanspruches gründeten sich insbesondere im Erwachsenenbereich Übungsgruppen, die mit Freude an Sport und Bewegung ihre wöchentlichen Übungsstunden abgehalten haben. Hier sei an die Gymnastikgruppe der Frauen erinnert, die aus der „Schlagsahnenriege“ hervorgegangen ist und 1994 ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiern konnte, bevor sie sich leider auflöste. Die Alterssportgruppe der Herren (ASG) sowie die Damensportgruppe (DSG), die nach Fertigstellung der Sporthalle ins Leben gerufen wurden und heute noch einen wesentlichen Bestandteil der Abteilung Turnen und Freizeitsport bilden, legen Zeugnis dafür ab, dass im Erwachsenenbereich gute Arbeit geleistet wird. Aber auch unsere jüngsten Mitglieder kommen nicht mehr zu kurz, nachdem wieder eine Mutter/Vater- und Kind-Gruppe ihren Übungsbetrieb aufgenommen hat.

Wo turnte Münzenbergs Turnerschar?. – In den ersten Jahren übten unsere Kinder im Vereinslokal »Zum Löwen«, so wie es die Turner bereits vor dem Kriege zu tun pflegten. Im Laufe der Zeit kam es aber zu Unstimmigkeiten, die einen Wechsel in das Gasthaus »Zur Burg« zur Folge hatte. Ein optimales Turnen war auch hier nicht möglich; oft mussten in beiden Gasthäusern die Übungsstunden ausfallen, da die im Saal zum Trocknen aufgehängte Wäsche Vorrang hatte.

Im Jahre 1960 erhielt der TSV von der Stadt Münzenberg die Genehmigung, die Turnstunden im frei gewordenen ehemaligen Schulsaal, dem heutigen evangelischen Gemeindezentrum, abzuhalten. Der Raum hatte in Länge, Breite und Höhe keine idealen Maße, so dass hier nur ein eingeschränktes Turnen, dafür aber ein regelmäßiges Üben stattfinden konnte. Auch der Umstand, dass noch die Turngeräte untergestellt waren, hinderte die Sporttreibenden nicht daran, mit Freude und Ehrgeiz die Übungsstunden zu besuchen. Einen großen Nachteil offenbarte dieser Raum allerdings in den kalten Wintermonaten. Vor jeder Turnstunde galt es erst, einen alten Stahlofen aufzuheizen, der gewaltig qualmte und rußte. Gar mancher Hustenreiz musste erst überwunden werden, bevor man mit dem Turnen beginnen konnte.

Ab Herbst 1970 erteilte der Kreisausschuss Friedberg die Genehmigung, die Turnstunden in der Steinbergschule abzuhalten. Auch hier stand zwar lediglich nur ein Turnraum zur Verfügung, in dem sowohl Turngeräte der Schule als auch die vereinseigenen Turngeräte untergestellt waren. Trotz dieser wiederum recht beengten Verhältnisse, die ebenfalls keine optimalen Übungsbedingungen zuließen, konnte der Turnbetrieb recht erfolgreich aufrechterhalten werden. In dieser Zeit nahmen sehr viele Kinder an den wöchentlichen Übungsstunden teil, so dass der Turnraum in der Schule täglich für ein bis zwei Stunden belegt war. Im Vergleich zum vorherigen Turnsälchen war dies aber eine wesentliche Verbesserung des Turnbetriebes.

Endlich, nach jahrzehntelangen Geduldsproben, gelang es den Bauleuten, die Sporthalle in Münzenberg soweit fertig zu stellen, dass auch die Turnelite im Herbst 1988 einziehen konnte. Von nun an stand für die Abteilung eine würdige Turnstätte zur Verfügung, die fortan allen Wünschen gerecht wurde. Durch die neuen Räumlichkeiten war es jetzt möglich, das Übungsangebot so zu erweitern, dass nun unsere Jugendlichen und Erwachsenen mit von der Partie sein konnten.

Unsere Sportler hatten in den Sommermonaten stets die Möglichkeit, auf dem Sportgelände zu üben, wo Sprunggrube, Laufbahn, Ringgerüst und Reck zur Verfügung standen. All diese Übungsmöglichkeiten machte man durch die Errichtung eines Kleinfeldes 1967 rigoros zunichte. Von nun an gab es für die Leichtathleten in Münzenberg nur noch beschränkte Perspektiven. So standen in der Nähe der Steinbergschule im Bereich des jetzigen Kindergartens eine kurze Laufbahn, eine Sprunggrube sowie Kletterstangen zur Verfügung. Nachdem auch diese Trainingsmöglichkeiten wegen baulicher Veränderungen wegfielen, war und ist man zur Vorbereitung von leichtathletischen Wettkämpfen, zum Beispiel dem jährlichen Weidig-Berg-Turnfest in Butzbach, gehalten, den Sportplatz im Stadtteil Gambach zu nutzen. Hiervon wurde und wird Gebrauch gemacht.

Trotz dieser widrigen Umstände verstanden es unsere Verantwortlichen, mit interessanten Veranstaltungen Jung und Alt zu begeistern. Zelten mit Lagerfeuer auf dem Steinberg war für viele Jahre eine stets willkommene Abwechslung. Unter dem Motto »Dabei sein ist alles« führten die Sportler unter der Regie von Ehrenturnwart Otto Frank von 1971 bis 1974 »Trimm-Dich-Spiele«, auch »Steinberg-Olympiaden« genannt, durch. Für alle Altersklassen standen mehrere Disziplinen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten zur Auswahl. Enormer Beliebtheit erfreute sich am Ende des Wettkampftages das große Tauziehen.

Einen weiteren Höhepunkt erlebten unsere Sportler bei den Vereinsmeisterschaften von 1982 bis 1984. Hier boten Turnerkinder und Handballer aller Altersklassen tolle Leistungen. – Die Freiluftveranstaltungen gerieten nun in Vergessenheit. Die Aktivitäten verlagerten sich hauptsächlich in die neue Sporthalle, nachdem sie ihrer Bestimmung übergeben worden war.

Dennoch waren und sind die Verantwortlichen unseres Vereins immer wieder bestrebt, für alle Sportbegeisterten interessante und abwechslungsreiche Übungsstunden durchzuführen, die ohne die vielen Übungsleiter und Übungsleiterinnen sowie Eltern nicht möglich gewesen wären bzw. nicht möglich sind.

Die Abteilung »Turnen und Freizeitsport« hat in den vielen Jahrzehnten Höhen und Tiefen durchlaufen. Sie stellt letztendlich jedoch eine wichtige Stütze des Vereins dar und ist aus dem Vereinsleben nicht mehr wegzudenken.

16. 01. 2004 (Festbuchtext)

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