15. Mai 1904 Gründung des Turnvereins
Im kleinen, idyllischen Städtchen Münzenberg, im Schatten der gewaltigen Stauferburg gelegen, gab es seit der Jahrhundertwende Bestrebungen einen Turnverein ins Leben zu rufen. Die Jugend wollte neben der schweren Arbeit auch einen körperlichen Ausgleich, der sich im Turnen verwirklichte. Zu jener Zeit hatten bereits zwei Vereine, der Gesangverein Eintracht (1882) und die Freiwillige Feuerwehr (1893), Fuß gefasst. Nur im Turnen taten sich die Burgstädter schwer. Hier mussten erst kräftig die Werbetrommeln gerührt werden. Als Hauptinitiator wird Friedrich Jakob Mengel I. genannt, der auch als erster Turnwart das Turnen richtig in Schwung brachte. Am 15. Mai 1904 war es endlich so weit, dass sich etwa 25 junge Burschen, Söhne aus Bauernfamilien, in Saal des Gasthauses „Zum Löwen“ zur Gründungsversammlung des Münzenberger (TV) Turnvereins trafen.

19. Mai 1904 Wahl des ersten Vorstandes
Am 19. Mai 1904, also 4 Tage später, fand schon die erste Generalversammlung statt. Nach eingehender Diskussion und Aufnahme weiterer Mitglieder wählten die Versammelten gemäß demokratischen Regeln den Vorstand des neuen Turnvereins, der sich wie folgt zusammensetzte:
1. Vorsitzender: Otto Enders II.; Stellvertreter: Fritz Wetz; Rechner: Wilhelm Hitzel; Schriftführer: Wilhelm Ebel I; Turnwart: Friedrich Jakob Mengel I; Beisitzer Albert Katz, Konrad Maurer und Wilhelm Walter.

Erste Vereinsaktivitäten
Im Laufe des ersten Vereinsjahres wuchs der Turnverein auf eine stattliche Mitgliederzahl von 39 Turnern, 4 passiven Mitgliedern und 22 Zöglingen an. Für die Ausbildung verpflichtete der junge Vorstand einen erfahrenen Turnlehrer: Hans Krämer aus Butzbach. Als Übungsstätte diente zuerst der Garten des 1. Vorsitzenden Otto Enders, später die Scheune des 1. Turnwartes Friedrich Jakob Mengel. Danach richtete der Verein, voraussichtlich ab dem Jahre 1906 einen Turnraum in der Scheune, die hinter der Steinwegschule stand, für turnerische Zwecke ein. Er war schlicht und einfach in der Ausstattung. Der Fußboden war sehr stabil und bestand aus Lehm. Jahrelang diente diese Scheune als Turnhalle in der Münzenbergs Akteure fleißig übten und zu Spitzenathleten heranwuchsen. Zu einer guten turnerischen Perfektion gehörten auch die vielen Turngeräte, die angeschafft werden mussten. Ab dem 10. Lebensjahr war es für die Buben eine Selbstverständlichkeit die Übungsstunden zu besuchen. Hatte man das Schüleralter von 14 Jahren beendet, gingen die Jugendturner, Höchstalter 18 Jahre, unter der Bezeichnung „Zöglinge“ an den Start. Danach musste der Nachwuchs ihr Können bei den Männern unter Beweis stellen. In all den Jahren blieb die Körperertüchtigung dem männlichen Geschlecht vorbehalten. Für die holden Weiblichkeiten gab es in Sachen Sport keine Perspektiven. Alljährlich, bei Vereinsmeisterschaften und auch beim Abturnen im Spätsommer, konnten sich die Bürger vom Können ihrer Athleten überzeugen. Ob unsere Mannen bereits 1905 oder 1906 an Wettkämpfen außerhalb der Burgmauern teilnahmen, ist nicht bekannt. Eine Fotografie aus dem Jahre 1907 zeigt eine Musterriege, die beim 34. Gauturnfest des Gaues Hessen in Bad Nauheim vertreten war. Ihre erste Ehrentafel für hervorragende Leistungen erhielten die Turner beim Gauturnfest in Lich 1908. Die Begeisterung musste riesengroß gewesen sein, den sonst hatte die TV-Schar in dieser kurzen zeit nie solche Erfolge erzielen können.

3. Mai 1905 Beitritt zum Gau Hessen
Ein Jahr nach der Gründung des Vereins, am 3. Mai 1905, schlossen sich Münzenbergs Sportler dem „Gau Hessen“ an, den hessische Turner bereits 1862 aus der Taufe hoben. überregional gehörte dieser Gau zum „Mittelrheinkreis“, der wiederum in der „Deutschen Turnerschaft“ organisiert war.

1906/1907 Gründung eines Spielmannszuges
In den Jahren 1906 oder 1907 muss es gewesen sein, als sich mehrere junge Vereinsmitglieder entschlossen, einen Spielmannszug ins Leben zu rufen. Für eine solide Ausbildung sorgte ein Soldat aus Butzbach.

29. Mai 1910 Bannerweihe
Einen historischen Tag in der Vereinsgeschichte verzeichnete man am 29. Mai 1910, als das neue Banner, gewidmet von den Münzenberger Frauen und Jungfrauen unter großer Begeisterung der Bürgerschaft eingeweiht wurde. Zu diesem Ereignis, das in Verbindung mit einer großen Feier mit turnerischen Darbietungen stand, führte sogar der Gau Hessen seine Gauturnfahrt nach Münzenberg durch. Von nun an war das Banner der ganze Stolz, der bei allen Anlässen im Mittelpunkt stand.

1907 bis 1912 Beweise turnerischer Aktivitäten
Münzenbergs Turnerschar hatte fleißig geübt und nahm wahrscheinlich erstmals in Bad Nauheim am Gauturnfest 1907 teil. Der Anfang war gemacht. Unser Hobbyfotograf Heinrich Wagner hielt diese Musterriege in Bild fest. Voller Stolz präsentierten sich sechs Turner an ihrem Turngerät: Friedrich Wend, Otto Kuhlmann, Karl Hitzel (*1880) und Friedrich Schäfer (*1884). Zu dieser Garde gehörten bereits die beiden Jugendturner „Zöglinge“: Wilhelm Schwenz I. und Otto Hitzel, die im Jahre 1891 das Licht der Welt erblickten. Es war einfach phänomenal was die Teilnehmer bei ihrem zweiten Auftritt eines Gauturnfestes, das in Lich 1908 stattfand, zustande brachten. Ob sie an mehreren Geräten antraten ist nicht bekannt. Jedenfalls erturnten sie sich am Reck mit der Bewertung „gut“ beim Vereinswettkampf die erste Ehrentafel. Ein Jahr später, im Jahre 1909, errangen auch die Zöglinge beim Gauturnfest in Marburg mit einer Riege am Pferd mit der Wertung „recht gut“ ebenfalls ihre erste Ehrentafel. Am Erfolg beteiligt waren: Riegenführer Heinrich Wend; Zöglinge: Richard Volp, Ferdinand Metzger, Karl Funk, Wilhelm Müller III., Heinrich Wirth, Wilhelm Metzger, Gustav Karl. Zwei Urkunden bescheinigen den Zöglingen und Turnern die Teilnahme am Turnfest des TV Bad Nauheim im Jahre 1910. Für ihre Leistungen am Pferd sowie am Reck erhielten sie jeweils Ehrentafeln. Der Turnverein Münzenberg war mit mindestens zwei Riegen beim 39. Gauturnfest 1912 in Gießen vertreten. Zwei Ehrentafeln legen Zeugnis ab, dass die Turner am Reck und die Zöglinge am Barren beim Musterriegenturnen hervorragende Bewertungen für ihre Leistungen erhielten. Turner am Reck: Heinrich Wend, Karl Ruppel, Richard Eberle, Karl Korall, Otto Fritz, Heinrich Volp, Heinrich Wirth, Karl Funk, Gustav Karl. Leiter der Riege: Karl Hitzel. Zöglinge am Barren: Gustav Storch, Heinrich Ruppel, Karl Schmidt II., Otto Reuter, Wilhelm Reuling, Karl Schwenz. Riegenführer: Richard Eberle

1912 bis 1918 Ende einer großen Turnepoche
Münzenbergs Einwohnerschaft war mit Recht stolz auf die Erfolge ihrer Turnersöhne. Alle Ehrentafeln, die man erkämpfte, erhielten einen Platz im Saale des Vereinslokals „Zum Löwen“. Die letzten schriftlichen Zeugen stammen aus dem Jahre 1912. Endeten nun schlagartig alle Aktivitäten? Sicher nicht! Aber die dunklen Schatten eines nahenden Krieges zeigten ihre Auswirkungen. Die erste große Turnepoche neigte sich dem Ende.

Das harmonische Vereinsleben innerhalb der Stadtmauern wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 empfindlich gestört. Viele junge Turner folgten enthusiastisch dem Ruf der Fahne. Der Turnbetrieb geriet ins Stocken. Der grausame Krieg fern der Heimat forderte seinen Tribut. 30 Münzenberger Soldaten verloren Ihr Leben.

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